Berichtbestattung Österreich

Es sind nun knapp 24h Stunden vergangen als in Wien ein kräftiges Zeichen gegen Sozialabbau, Überwachungsstaat und Extremismus und für ein weltoffenes, progressives und soziales Österreich demonstriert wurde. Bis zu 70.000, aber wenigstens 20.000 ÖsterreicherInnen versammelten sich und zogen bei 0° Grad und Nieselregen durch die Wiener Innenstadt, um so ihr „Nein!“ gegen diese Regierung, gegen diese Personalentscheidungen und die geplanten Maßnahmen der Regierung sichtbar zu machen.

Damit rangiert dieser Demonstrationszug unter den Top 5 der größten jemals in Österreich abgehalten Demonstrationen. Größer waren noch „das Lichtermeer“ 1993 mit bis zu 300.000 Teilnehmern, die gegen das Volksbegehren „Österreich zuerst“ der FPÖ antraten. Übrigens der Titel des FPÖ-Wahlprogramms 2017. Am 19. Februar 2000 kamen 100.000 zusammen, um gegen die erste Auflage von Schwarz-Blau zu protestieren. Eine Regierung, die noch heute und wonach es aussieht, noch viele weitere Jahre die Gerichte bemüßigen wird. Also auch das eine klare Absage gegen Rechtsextremismus und Nationalismus.

Wie berichten 24 Stunden danach die österreichischen Medien über dieses Ereignis? Antwort: Meist gar nicht. In den 12 umsatzstärksten Tageszeitungen ist dieser Event eine Randnotiz. Auf ihren Onlineportalen muss man die Berichte dazu jedenfalls suchen. Einzig der Standard berichtet auf der Titelseite.

Auch das Wording, also wie über dieses Event im exakten Wortlaut berichtet wird, ist recht einhellig. Das Boulevard stellt dieses kräftige Lebenszeichen des demokratischen Verständnisses der Bürger in diesem Land als „Verkehrschaos“ und Verkehrs- und Geschäftsbehinderung dar. „Heute“ ruft sogar seine Leser auf, ihnen Videos und Fotos von den vermeintlichen Staus zuzuschicken – gegen Bares. Immerhin der Teil mit den „Omas gegen Rechts“, die vor dem antifaschistischen Block marschierten, hat es von der APA Meldung in die meisten Artikel geschafft. Das Bild war dann wohl doch zu skurril, um es einfach wegzulassen.

Einzig das FPÖ Propagandaportal unzensuriert.at berichtet sonst auch noch auf der Titelseite. Dort ist von „einfachen Lösungen aus der kommunistischen Mottenkiste“ die Rede und davon, dass eine Politik der offenen Grenzen den Sozialstaat zerstöre, nicht aber diese Regierung. Der „Bericht“ gipfelt dann in einem so sicher nie stattgefundenen Gespräch auf der Demo:

Zitat:
Am Samstag Nachmittag haben auch mehr linksgrüne Eltern ihre Schulkinder mitgebracht und entsprechend indoktriniert („Mama, warum steht da ‚Nie wieder!‘?“ „Weil wir schon einmal so eine Regierung hatten, da warst du noch nicht geboren, und die haben auch nur Blödsinn gemacht.“ „Was für einen Blödsinn denn?“ „Das kann ich dir nicht erklären.“).

Gezeigt wird dann noch ein einzelner Mensch mit dunkler Hautfarbe und Handy, der offenbar überhaupt das Feindbild schlechthin stellvertretend für alle progressiven Kräfte darstellt. Übrigens ist ein „Selfie“, liebe unzensuriert.at Redakteure, ein Bild, auf dem der Fotografierende auch drauf ist. Alles andere ist einfach ein Foto. 😉

Liest man sich weiter in die dazugehörigen Kommentarspalten ein, wird das Bild noch düsterer. Der Grundtenor dort: Die haben alle nicht verstanden, was Demokratie ist. Immerhin wurde die Regierung demokratisch gewählt und dann heißt es entweder „…und jetzt Gusch“ oder „Lasst sie mal arbeiten“. Es wird den Demonstranten also nicht nur unterstellt, sie würden gegen die Demokratie demonstrieren, was natürlich Unsinn ist, sondern dass sie in der Ausübung ihres demokratischen Grundrechts auf Protest sich auch noch undemokratisch verhalten. Das ist schon ein gehöriges Maß an Hirnerweichung. Die Proteste verliefen übrigens friedlich und es kam zu keinen nennenswerten Zwischenfällen. Die meisten Polizisten verbrachten diesen verregneten Samstag in den Polizeibussen auf Standgas.

Berichtbestattung

Österreich hat diesen Samstag ein starkes Zeichen gesetzt und hat die wohlige Wärme des Wohnzimmers gegen klirrkalte Nässe eingetauscht, um für ein solidarisches Miteinander einzustehen. Leider ist den meisten Redaktionen das keine Meldung wert. Es werden lieber Aufreger produziert („Verkehrschaos“), die es so gar nicht gegeben hat. Eine lebendige Demokratie ist aber auf anständige und handwerklich gute Berichterstattung angewiesen.

Es ist absolut nicht selbstverständlich und in Österreich auch noch gar nicht sooft vorgekommen, dass soviele Menschen sich gemeinsam auf den Weg machen, um ein Zeichen zu setzen. All diesen Menschen tut man mit dieser Berichtbestattung Unrecht.

Es ist Zeit unser Selbstverständnis von Demokratie up-zu-daten. Friedlicher Protest ist nicht nur ein Grundrecht. Es ist auch der demokratisch vorgesehene Weg, wie die Bevölkerung sich gegen die Regierung äußern darf und soll. Egal ob es nun Zeitungen, Beamte oder Bürger sind. Wer gegen diese Demo wettert, verhält sich undemokratisch.

(d)

UPDATE: 14.01. 18:14

Offenbar hetzt nun das Infrastrukturministerium auf Staatskosten gegen den Standard. Warum wohl?

APA-OTS Meldung

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